Wir übersetzen die Beiträge von Global Voices in viele Sprachen, damit die Bürgermedien aus aller Welt für alle zugänglich werden.

Erfahre mehr zu Lingua-Übersetzungen  »

Brasilien: Der Aufruf zum Widerstand der Guarani Kaiowá

Dieser Beitrag ist Teil unseres Dossiers zu den Rechten von Indigenen [en].
Aufgrund der erneuten Drohung, ihr Land verlassen zu müssen, hat das Volk der Guarani-Kaiowá [en] aus Pyelito Key/Mbarakay, in der Stadt Iguatemi im Staat Mato Grosso do Sul (MS) am 8. Oktober 2012 einen offenen Brief veröffentlicht, der sich über die Presse und das Internet verbreitet hat. Der Brief kann als ein Aufruf zum Widerstand gedeutet werden in einer Situation, die scheinbar den Tod eines ganzen Volkes besiegelt:

A quem vamos denunciar as violências praticadas contra nossas vidas?? Para qual Justiça do Brasil?? Se a própria Justiça Federal está gerando e alimentando violências contra nós. (…)

De fato, sabemos muito bem que no centro desse nosso território antigo estão enterrados vários os nossos avôs e avós, bisavôs e bisavós, ali estão o cemitérios de todos nossos antepassados. Cientes desse fato histórico, nós já vamos e queremos ser morto e enterrado junto aos nossos antepassados aqui mesmo onde estamos hoje, por isso, pedimos ao Governo e Justiça Federal para não decretar a ordem de despejo/expulsão, mas solicitamos para decretar a nossa morte coletiva e para enterrar nós todos aqui.

An wen sollen wir uns angesichts der Gewalt, die gegen uns ausgeübt wird, wenden? An das brasilianische Justizsystem? Es ist eben dieses bundesstaatliche Justizsystem, das die Gewalt gegen uns entfesselt.

Auf unserem Land liegen viele unserer Großväter und Großmütter, Urgroßväter und Urgroßmütter begraben. Hier finden sich die Gräber aller unserer Vorfahren. In diesem Wissen möchten wir als Volk getötet werden und genau an diesem Ort neben unseren Vorfahren beerdigt werden. Wir fordern daher die Regierung und die Justiz dazu auf, keine Anordnung zu einer Zwangsumsiedlung sondern einen Befehl zu unserer Exekution zu erteilen und uns alle hier zu beerdigen.

Das Volk der Guaraní Kaiowá, welches mit einer Bevölkerung von 43.000 Menschen die zweitgrößte Gruppe der Ureinwohner Brasiliens bildet, hat im Laufe des vergangenen Jahrhunderts fast sein gesamtes Land [en] verloren. Sie sind außerdem kontinuierlich das Ziel von Übergriffen und verzeichnen eine alarmierende Selbstmordrate [en]. Die Böden des Staates Mato Grosso do Sul sind für die Rinderzucht und den Anbau von Rohstoffen zur Biokraftstofferzeugung die produktivsten in ganz Brasilien.

Photo of 5,000 crosses planted in Brasilia on the Facebook page of Itiban Comic Shop

5000 Kreuze werden an diesem Ort angebracht. Das Foto ist der Facebookseite Itiban Comic Shop entnommen.

Den Anlass für die Veröffentlichung des offenen Briefes gab eine Anordnung des Bundesgerichts in Navirai, im Staate Mato Grosso do Sul (Aktenzeichen 0000032-87.2012.4.03.6006 [pt]), die besagt, dass der Ort Pyelito Kue/Mbarakay vom Boden seiner Vorfahren zu weichen hat.

Die zum Tode Verurteilten

“Wir dürfen vor diesem Aufschrei der Kaiowá Guarani nicht die Augen verschließen und er darf uns auch nicht unberührt lassen”, sagt [pt] Egon Heck, Berater des indigenen Missionarsrates (Cimi). Er spielt damit auf die historische Broschüre “Y-Juca-Pirama – The Indian Who Should Die“ [pt] aus dem Jahre 1973 an, die von Bischöfen und Missionaren veröffentlicht wurde, die im Gebiet des Amazonas arbeiteten:

Diante do decreto de morte e extermínio surge a obstinada determinação dos povos de viver ou morrer coletivamente, conforme suas crenças, esperanças ou desespero. Esse grito certamente fará parte do manifesto “os povos indígenas, aqueles que devem viver”, apesar e contra os decretos de extermínio. (…) Não se trata de um fato isolado, mas de excepcional gravidade, diante de uma decisão de morte coletiva. Continuaremos sendo desafiados por fatos semelhantes, caso não se tome medidas urgentes de solução da questão da demarcação das terras indígenas desse povo.

Mit einem Erlass zum Tode und zur Vernichtung konfrontiert erwacht in den Menschen die hartnäckige Entschlossenheit gemeinsam zu leben oder zu sterben, je nach ihrem Glauben, ihren Hoffnungen oder ihrer Verzweiflung. Dieser Aufruf wird trotz des Appells für die eigene Vernichtung sicherlich Teil des Manifests “Die Ureinwohner: jene, die leben sollen” werden. (…) es ist kein isolierter Vorfall, wohl aber einer mit besonderem Ausmaß, weil die Entscheidung zu einem kollektiven Tod getroffen wurde. Wir werden uns mit ähnlichen Vorfällen auch zukünftig konfrontiert sehen wenn nicht zügig ein paar Maßnahmen zur Grenzziehung im Land der Ureinwohner ergriffen werden.

Illustration by Odyr Bernardi published on the Facebook page Quadrinhos Guarani in response to the appeal to collective action for a comics version of the letter by the indigenous community.

Eine Darstellung von Odyr Bernardi die auf der Facebookseite “Quadrinhos Guarani” anlässlich einer Comic-Version des offenen Briefes der Guarani Kaiowá veröffentlicht wurde.

Die Journalistin Eliane Brum schreibt [pt] im Magazin Época als Antwort auf den offenen Brief über die Geschichte und den Kampf der Guarani Kaiowá und darüber wie “eine elitäre Gruppe, ausgestattet mit einer großen Portion Ignoranz, den immensen Reichtum der Sprachen, des Wissens und der Perspektiven auf die Welt der 230 indigenen Ethnien in Brasilien völlig missachtet”:

Como podemos alcançar o desespero de uma decisão de morte coletiva? Não podemos. Não sabemos o que é isso. Mas podemos conhecer quem morreu, morre e vai morrer por nossa ação – ou inação. E, assim, pelo menos aproximar nossos mundos, que até hoje têm na violência sua principal intersecção.

Wie können wir die Verzweiflung, die in der Entscheidung gemeinsam zu sterben liegt, überhaupt nachvollziehen? Wir können es nicht. Wir können es nicht einmal erahnen. Aber wir können jenen gegenübertreten, die durch unsere Handlungen – oder auch durch unser Nichthandeln -  gestorben sind, die sterben und die noch sterben werden. Auf diese Weise können wir unsere beiden Lebenswelten, die sich bisher vor allem durch Gewalt begegnet sind, näher zusammen bringen.

Felipe Milanez ist Journalist, Regisseur des Dokumentarfilms Toxic: Amazon [pt] und Gründer des Blogs Luta Guarani (der Kampf der Guarani) [pt]. Er setzt soziale Netzwerke geschickt ein, um andere Menschen auf das Anliegen der Guarani Kaiowá aufmerksam zu machen. Vor Kurzem veröffentlichte er ein Video [pt] mit einer Aussage von Elpídio Pires (dem Anführer der Indigenen) darüber wie es sich mit Todesdrohungen leben lässt:

 


Auf Twitter (@felipedjeguaka) macht Felipe die “engen Verbindungen zwischen lokalen Amtsträgern und Plantagenbesitzern, Revolverhelden und dem organisierten Verbrechen im Amazonasgebiet” öffentlich [pt] indem er folgende Namen nennt:

O prefeito de Paranhos levou pra cadeia Elpídio Pires. E o de Aral Moreira é um dos acusados na morte do Nisio Gomes Guarani. Prefeitos!

Der Bürgermeister von Paranhos hat Elpídio Pires ins Gefängnis gebracht. Und der Bürgermeister von Aral Moreira ist einer der Beschuldigten im Mordfall Nisio Gomes Guarani. Bürgermeister!

Bereits im April hatte er ein Video [pt] über die Ermordung von Häuptling Nísio Gomes (November 2011) veröffentlicht:

 

 

Protestwelle

In sozialen Netzwerken hat sich die Zahl der Unterstützerinitiativen, wie die Facebookseite Solidariedade ao Povo Guarani-Kaiowá [pt] (Solidarität mit dem Volk der Guarani-Kaiowá) oder das Blog [pt] des Internationalen Kommittees mit dem gleichen Namen, vervielfacht. Ein Video das von Tekoa Virtual Guarani gedreht wurde und welches Botschaften an die Präsidentin Dilma Roussef enthält, um ihre Aufmerksamkeit auf die Gewalt zu lenken, die diese Menschen erfahren, hat sich im Netz verbreitet.

Auf Facebook hat sich eine Gruppe organisiert, die einen “symbolischen Massensuizid” begehen möchte. Dieser symbolische Akt, der “facebookicide” [pt] getauft wurde, soll durch eine kollektive Deaktivierung der Facebook-Accounts am 2. November erfolgen. Eine Petition [pt] von Avaaz mit bereits 24.290 Unterzeichnern [Anm. d. Übers.: zum Zeitpunkt der englischen Übersetzung sind es bereits 34.218 Unterschriften. Zum Zeitpunkt der deutschen Übersetzung ist die Petition nicht abrufbar] verlangt: “Lasst uns den kollektiven Suizid des Volkes der Guarani Kaiowá verhindern!”.

Denunciation of death threats by an indigenous representative of the women of MS in the video Salutations Dilma! Those who are about to die salute you.

Eine indigene Vertreterin der Frauen von Mato Grosso do Sul macht in dem Video “Grüße an Dilma! Jene, die bald sterben werden, grüßen Dich!” die Todesdrohungen, denen sie ausgesetzt sind, öffentlich.

Eine Mitteilung [pt]  des indigenen Missionarsrates CIMI kritisiert die verantwortungslose Art und Weise, wie über den offenen Brief als “vermeintlicher Selbstmord” der Guarani Kaiowá berichtet wird, wobei der offene Brief klar benennt, dass es sich um einen kollektiven Suizid aufgrund ihres Kampfes um Ihr Land handelt.

Eine weitere Petition bei Avaaz mit über 172.000 Unterzeichnern [Anm. d. Übers.: 270.372 zum Zeitpunkt der deutschen Übersetzung dieses Artikels], verstärkt die Botschaft des offenen Briefes und fordert auf:

Exija conosco cobertura da mídia sobre o caso e ação urgente do governo DILMA e do governador ANDRÉ PUCCINELLI, para que impeçam tais matanças e junto com elas a extinção desse povo.

Unterstützt uns in der Forderung an die Medien mehr über diesen Fall zu berichten und in der Forderung an Präsidentin DILMA und den Gouverneur des Staates von Mato Grosso do Sul ANDRÉ PUCCINELLI, solche Suizide und die Auslöschung eines ganzen Volkes zu verhindern.

Am 19. Oktober hat es vor dem nationalen Parlament eine öffentliche Demonstration [pt] gegeben, die von CIMI, dem Federal Council of Psychology (CFP), der Dhesca Platform und Global Justice initiiert wurde. Egon Hack hat über diesen Protest einen Artikel geschrieben und kommt zu dem Schluss [pt]:

Enquanto isso, as comunidades nas retomadas, nos acampamentos, nas aldeias, organizam a esperança, enfrentam os poderosos e lutam com as forças que lhes restam contra as políticas de morte e genocídio.

Mittlerweile organisieren sich indigene Gemeinschaften, die ihr Land und ihre Dörfer zurückgewonnen haben, um Hoffnung zu verbreiten und den Mächtigen die Stirn zu bieten angesichts der Stärke die sie aus dem Kampf gegen Tod und Genozid gezogen haben.

Dieser Beitrag ist Teil unseres Dossiers zu den Rechten von Indigenen [en].

Dieser Artikel wurd in Zusammenarbeit von Diego CasaesElisa Thiago, João Miguel LimaLuís Henrique, Paula Góes und Raphael Tsavkko geschrieben.

5 Kommentare

Sag deine Meinung!

Für Autoren: Anmelden »

Richtlinien

  • Alle Kommentare werden moderiert. Sende nicht mehrmals den gleichen Kommentar, damit er nicht als Spam gelöscht wird.
  • Bitte geh respektvoll mit anderen um. Hass-Kommentare, Obszönes und persönliche Beleidigungen werden nicht freigeschaltet..